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Verträumtes

Das Leben, das ich selbst gewählt

Ehe ich in dieses Erdenleben kam ward mir gezeigt, wie ich es leben würde.
Da war die Kümmernis, da war der Gram, da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte, da war der Irrtum, der gefangen nahm.
Da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte, da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch da waren auch die Freuden jener Tage, die voller Licht und schöner Träume sind.
Wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage, und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden, die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute, mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde draus ich blute, mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künfitg Leben schaute, da hört ein Wesen ich die Frage tun,
ob ich dies zu leben mich getraute, denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme - "Dies ist das Leben, das ich Leben will!"
gab ich zur Antwort mit enschlossner Stimme. So wars, als ich ins neue Leben trat
und nahm auf mich mein neues Schicksal still. So ward ich geboren in diese Welt.
Ich klage nicht, wenn oft mir nicht gefällt, denn ungeboren hab ich es bejaht. ---Hermann Hesse---
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Von der Liebe

Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.

Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann
wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
so wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
so wie sie emporsteigt zu deinen Höhen
und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit.

(...)

All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

(...)

Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;

Denn die Liebe genügt der Liebe.

Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt den Lauf.

Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich selbst zu erfüllen.

(...) von Khalil Gibran
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Ein Märchen

Die Seele pochte am Gotteshaus;
Da klang eine Stimme von innen heraus.
"Wer da?" so rief sie, "Was will man hier?" -
"Ich bin's eine Seele! Mach' auf die Thür!"

Allein die Stimme von innen sprach:
"Ich brauch selber das ganze Gemach.
Ich bin die Liebe; drum geh' nur zu;
Es ist hier kein Platz für´Ích und Du`."

Und lange irrte die Seele umher;
Es war ihr von Kummer das Herz so schwer.
Von der Liebe Verstossen, o Missgeschick!
Da kam sie wieder zum Himmel zurück.

Und wieder pocht sie ans Gotteshaus;
Und wieder rief es von innnen heraus_
"Wer da?" so schallt es; "was will man hier?"-
"Du bist es, du selber! Mach auf die Thür."

Da öffnete weit sich das goldene Thor,
Und jubelnd empfing sie der Engel Chor.
Schnell huschte die liiebende Seele hinein;
Ihr gehörte der Himmel nun ganz allein.
---Aus dem Indischen----
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Was es ist



Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried
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